Samstag, 17. August 2019

EinBlick anders - Ein Kommentar zur "Beiß-Attacke" in Rostock

Es ist keine Seltenheit, dass in einer Situation, in der ein vielleicht 5jähriger Mensch einem Erwachsenen etwas erzählt wie „Der Sowieso hat mich gehauen!“, er Reaktionen erhält wie „Und was hast du gemacht?“ Die Betonung liegt dabei auf dem „du“ und gemeint ist hier natürlich nicht hinterher, sondern vorher: Was hast du angestellt, dass der andere dann so sauer auf dich war? Was impliziert, dass du doch bestimmt irgendwie selbst Schuld bist, dass der Sowieso dich gehauen hat.
Solche Reaktionen sind umso weniger eine Seltenheit, je älter dieser Sowieso ist. War es der gleichaltrige Kindergarten-Kumpel, kommen eher noch Antworten wie „Och, das war ja gemein vom Sowieso, dass der dich gehauen hat!“ oder Verhaltens-Tipps für die Zukunft wie „Beim nächsten Mal sag ganz laut 'STOPP, das will ich nicht!'“ oder „Geh dem einfach aus dem Weg, wenn der dich hauen will“ oder gar der kühne Ratschlag „Am besten hau zurück, damit der merkt, dass das weh tut!“ War der Sowieso aber beispielsweise die Erzieherin und die Situation folgendermaßen: „Die Sowieso hat heut ganz doll mit mir geschimpft!“, dann ist die oben genannte Reaktion äußerst wahrscheinlich.
Auch wenn mir eine solche Reaktion gar nicht gut gefällt, so muss ich zugeben, wenn mir eine befreundete Lehrerin erzählen würde „Eine meiner neuen Erstklässlerinnen hat mich heute krankenhausreif gebissen!“, dann würde sofort aus mir herausplatzen „Oh mein Gott, was hast du gemacht?!“

Die BILD-Zeitung berichtete vor ein paar Tagen von einer solchen Begebenheit an einer Grundschule in Rostock unter der Schlagzeile
"Erstklässlerin(7) beißt Lehrerin krankenhausreif"
Gerade einmal drei Tage nach Schulbeginn“ sei eine 7jährige Erstklässlerin „wutgeladen“ auf ihre Lehrerin losgegangen, heißt es, und habe diese so heftig gebissen, dass die „verletzte Frau“ den Notruf wählte und später ins Krankenhaus gebracht wurde.
Interessanterweise habe die Schulamtsleiterin des zuständigen Staatlichen Schulamtes den Sachverhalt als „nicht darstellungsbedürftig“ bezeichnet. Was Medien aus einem solchen „nicht darstellungsbedürftigen“ Fall so alles machen, werde ich gleich beschreiben... Allerdings wüsste ich tatsächlich gern, was vorgefallen sein muss, dass dieses junge Mädchen derart „wutgeladen“ war...
Im Focus wird der Vorfall aufgegriffen mit dem Hinweis „Eine Grundschülerin ging in Rostock grundlos auf ihre Lehrerin los“. Interessant, diese Zuschreibung - „grundlos“ - wo doch die (Hinter)Gründe noch ermittelt werden müssen.
Bemerkenswert formulierte der Berliner Kurier den Vorfall, demnach eine „erst sieben Jahre alte Schülerin auf dem Schulhof ihre Lehrerin angegriffen“ habe. „Das Mädchen bekam einen Wut-Anfall und attackierte die Pädagogin.“ (Sind Lehrer und Pädagogen eigentlich dasselbe, wo es doch unterschiedlichste Studiengänge dazu gibt? Hinzugedichtet wurde hier noch eine Ortsangabe, die gar nicht stimmte, aber doch eine passende Kulisse für die Fantasie der Leser angibt.)
Eine Österreichische Zeitung formuliert es noch besser zum Thema „Schulbeginn in Deutschland“: 7-Jährige schlägt und beißt Lehrerin krankenhausreif", genauer „schlug, trat und biss“ das Mädchen hier auf ihre Lehrerin ein und „biss schließlich so fest zu, dass die Lehrerin im Krankenhaus behandelt werden musste“.
Doch, es war noch zu toppen mit dieser Schlagzeile: Unglaublich! Zweitklässlerin (7) prügelt Lehrerin ins Krankenhaus“. Hier ereignete sich in einer Rostocker Grundschule eine „Prügelattacke der ungewöhnlichen Art, bei der eine Lehrerin verletzt wurde“: Ein 7-jähriges Mädchen ging wie im Wahn auf ihre Lehrerin los und prügelte auf sie ein“, heißt es, „Durch die Tritte und Schläge der Zweitklässlerin erlitt die Frau zahlreiche Verletzungen. Nachdem die Lehrerin den Notruf gewählt hatte, eilten mehrere Rettungswagen und die Polizei zu der Grundschule. Durch ruhiges Zureden konnten die Beamten die Situation schlichten.“
So wurde das Monster immer größer in einer Welt, in der bekanntlich die Schüler doch immer gefährlicher und die Lehrer immer gefährdeter seien...
Ich erinnere mich an einen Fall einer Arbeitskollegin, der sie sehr betrübte. Ihr junger Klient war aufgrund starker Verhaltensauffälligkeiten in einer Wohngruppe gelandet, wo er auch „grundlos“ und unberechenbar auf eine Betreuerin losgegangen sei. Ich ließ mir die Situation näher erzählen. Der 9jährige Junge sei eines Morgens von der Betreuerin geweckt worden, in dem diese ins Zimmer kam, die Vorhänge aufriss und ihm die Decke wegzog. Da sei er ausgerastet. Leider vermisse ich häufig die genaue Betrachtung solcher Konfliktsituationen, die uns Aufschluss geben würde über die Motive und Bedürfnisse der Beteiligten und uns erkennen ließe, dass niemand „grundlos“ auf jemanden losgeht.
Die Nachrichten-Berichterstattung repräsentiert und schürt jedoch die üblichen Reaktionen und Sichtweisen derer, die davon lesen und hören:
1. „Die arme Lehrerin!“: Ja, da haben wir's, der Lehrerberuf wird immer gefährlicher aufgrund der immer gewalttätiger und respektloser werdenden Schülerschaft!
2. „Die böse Lehrerin!“: Die ist bestimmt selbst Schuld, grausam wie Lehrer oft die Schüler behandeln!
3. „Das arme Kind!“: Was ist nur in dem schrecklichen Elternhaus los, in dem ihm entweder Gewalt, Verwahrlosung oder schlechte Erziehung widerfährt!
4. „Das böse Kind!“ (beliebt in den Medien): Das Monster, das grundlos und unberechenbar gewalttätig ist.
5. „Das kranke Kind!“: Aufgrund dieses heutzutage beliebten Trends, in den auch die Punkte 3 und 4 münden, sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien bis zum Platzen voll.
Nur, um mich etwas polemisch darüber lustig zu machen, wäre dieser Medienfall mir keinen Kommentar wert gewesen. Mir geht es tatsächlich um eine wichtige Überlegung angesichts der zu beobachtenden Gewalt (an Schulen), die ja immer wieder in aller Munde ist. In unterschiedlicher Weise werden die verschiedenen Protagonisten dabei als „Schuldige“ unter die Lupe genommen: Die Lehrer, die sich nicht durchsetzen, oder die unfähigen Eltern oder die gestörten Schulkinder. Gerne wird ein Szenario beschrieben, in welchem uns ein Täter und ein Opfer dargeboten wird – nur wer ist hier wer? Da wir davon ausgehen müssen, dass sowohl die Lehrerin als auch die Erstklässlerin beide sowohl Täterin als auch Opfer sind (schließlich landeten beide im Krankenhaus), sind uns diese Zuschreibungen nicht nützlich.
Gewaltgeschichten wie diese sind gerade deswegen darstellungsbedürftig, da sie Symptome sind für eine Grundproblematik: Gewalt, die junge Menschen, die aufgrund struktureller Bedingungen diskriminiert werden, bei uns erfahren. Auch wenn es so aussieht und uns am bequemsten erscheint, so kann es nicht nur um die individuelle Gewalt gehen und darum, Einzelne als Schuldige, als Täter und Opfer zu identifizieren.
Wir müssen uns der folgenden Frage stellen: Welchen Anteil haben wir alle an der Gewalt Einzelner gegen sich selbst und andere? Welchen Anteil hat jeder einzelne an der Gewalt, die hier die Lehrerin ausübte und hat erdulden müssen, und an der Gewalt, die die 7Jährige erfahren und ausgeübt hat?
„Hä?“, wird sich manch einer fragen, „Was hab ich damit zu tun?“ Vielleicht in speziell diesem Fall, den ich als (reißerischen) Aufhänger genutzt habe, nicht wirklich was. Wir alle prägen jedoch als einzelne und gemeinsam eine Grundhaltung, ein Menschenbild, Denk- und Bewertungsstrukturen, die einen kollektiven Raum und Rahmen bilden, in welchem individuelle und strukturelle Gewalt entstehen (und auch wieder verschwinden!) kann. Beispielsweise in Form der oben genannten „üblichen Reaktionen und Sichtweisen“ (den Punkten 1 bis 5), die wir denken und eventuell kundtun.
Ich spreche nicht von Schuld. Ich spreche von Anteil, der je nachdem größer oder kleiner sein kann. Ich spreche von Verantwortung, die sich auf uns alle aufteilt und die wir alle tragen, ob wir dies wollen, akzeptieren oder nicht. Daher hat auch jeder von uns Einfluss auf Minderung von Gewalt. Ein Schritt dafür ist, „hinter“ die Situationen zu schauen und vor allem die kleineren und die größeren Kontexte zu berücksichtigen, in denen sie stattfinden.
In der Aufhänger-Geschichte habe es sich übrigens schließlich um die Schulleiterin gehandelt, die gebissen wurde, und die 7Jährige sei wütend gewesen, weil sie noch keinen Hortplatz bekommen habe, der ihr anscheinend sehr wichtig gewesen sein muss... eine merkwürdig klingende Geschichte. Was wirklich konkret in der Szene gesagt und getan oder nicht gesagt und getan wurde, so dass eins zum anderen führte, wird wohl ein Geheimnis bleiben...
* * *
Wer es noch nicht kennt:
Macht mit beim Aufruf „Gewalt? Ohne mich!“

Sonntag, 21. April 2019

CaRabA wird die Welt bewegen!

Hoffentlich wird es in zwei Jahren so sein, wie in dem Film, dass alle Menschen ernst genommen werden.“
(Nele, 12)
 
* * *
Auf die Aussage „Eine Welt ohne Schule – das geht doch gar nicht!“ hat der Spielfilm CaRabA die Antwort. Gewissermaßen hat CaRabA bereits die Welt bewegt, indem es ihm gelungen ist, weit über einen Tabubruch hinauszugehen. Hier wird nicht das Unhinterfragbare in Frage zu stellen versucht, sondern es ist schlichtweg nicht mehr da:
CaRabA zeichnet die Vision einer Welt ohne Schulen. Diese Vision ist keine Utopie, sondern wird als echte, authentische, lebensnahe Wirklichkeit sichtbar und fühlbar.
Der Film geht dabei weit hinaus über sein Anliegen, die Landschaften des Frei-sich-Bildens zu malen, um damit eine Grundsatzdiskussion zu entfachen über das Wesen dessen, was wir „Bildung“ nennen. Vielmehr zeigt CaRabA menschliches Zusammenleben nach der Überwindung eines Menschenbildes, welches heute noch dafür verantwortlich ist, dass unser Nachwuchs in einer Welt heranwächst, die von individueller und struktureller Gewalt geprägt ist. Einer Welt, in welcher ihm derzeit noch eine (auch kollektive) Missachtung seiner Potenzen, seiner Bedürfnisse und seiner Grundrechte widerfährt.
Beispielhaft zeigt sich unsere aktuelle Lage in einer teils hitzigen Auseinandersetzung um einen Film, der seit Kurzem die Gemüter bewegt und eine Kluft zwischen Positionen deutlich macht, die entfernter nicht voneinander liegen können.
Eine Kluft, die darin wurzelt, dass Gewalt als Ansichtssache deklariert wird: der Dokumentarfilm Elternschule.
Eine Welle des Entsetzens und der Empörung löste allein der Filmtrailer aus, die im Kontrast steht zu der Selbstsicherheit, mit der die Filmemacher, die Protagonisten und die Medien den Film und die darin gezeigten Inhalte vertreten und vermarkten. Völlig widersprüchlich sind die Reaktionen im Publikum, in welchem Menschen zutiefst schockiert und weinend sich wiederfinden inmitten von Leuten, die lachen und nach Filmschluss applaudieren. In Diskussionen in sozialen Netzwerken treffen Menschen, welche im Film gezeigte Gewalt gegen ganz junge Menschen anprangern, auf Menschen, die sagen, sie hätten keine Gewalt gesehen...
Wie kann sowas sein? Eine Erklärung liefert die Beobachtung, dass nicht nur Gewalt in verschiedenen unser Leben betreffenden Kontexten – in Schulen und anderen Institutionen, in den Medien, zwischen den Nationen, gegenüber der Natur – zur Normalität geworden ist und sogar manchen Menschen gar nicht mehr als solche bewusst ist oder auffällt; sondern auch, dass Gewaltakte vielerlei Bezeichnungen erhalten, mit denen sie negiert, bagatellisiert oder gerechtfertigt werden (z. B. als erzieherisch notwendig oder wohlmeinend, als den pädagogischen Standards oder therapeutischen Leitlinien entsprechend – oder auch schlicht als unterhaltsam).
Eine weitere Erklärung liegt in unseren Grundannahmen über den Kern des menschlichen Wesens, in zweierlei völlig konträren Menschenbildern, die unvereinbar sind wie Tag und Nacht: Die Annahme, der Mensch sei in seinem Wesen von Geburt an gut und richtig vs. er sei nicht richtig oder sogar schlecht und böse. Letzteres impliziert Misstrauen, ersteres Vertrauen. Letzteres ruft nach Erziehung (und nach Beschulung), ersteres nach Unterstützung und Begleitung. Letzteres schürt Handeln aus Angst, ersteres nährt Handeln aus Liebe.
CaRabA basiert ganz klar auf einer positiven Grundhaltung dem Menschen gegenüber, die in jedem – insbesondere zwischengenerationellen – Kontakt zwischen den Protagonisten mitschwingt.
Dieser ist durchweg und ausnahmslos geprägt von Authentizität, Vertrauen und Respekt, was ganz wesentlich darin zum Ausdruck kommt, dass jede der Äußerungen der jungen Menschen auf ein Gegenüber trifft, welches sie als ebenbürtig anerkennt und ernst nimmt. Das Ernstnehmen ist die entscheidende Konsequenz der Grundannahme eines positiven Menschenbildes.
Die Welt, die wir in CaRabA erleben dürfen, hat die Befreiung von einem alten Erbe, vor der wir derzeit noch stehen, geschafft.
Ein schweres Erbe, welches in Elternschule nun so sichtbar wird, dass es die Reaktionen vieler Menschen hervorruft. In dem Dokumentarfilm wird gleich zu Beginn ein Bild des Menschen propagiert, welches den Nachwuchs bereits (oder gerade) als Säugling als Feind seiner Eltern darstellt, vor dem es sich zu schützen und den es in Zaum zu halten gilt: „ein knochenharter Bursche“, „der größte Egoist auf dem Planeten“, der „ein Heidentheater“ macht, „auf den Knopf drückt“ und seine Eltern „um den Finger wickelt“ und einem „Belastungstest“ unterzieht, bis sie „mit dem Rücken zur Wand“ stehen. Dieses Menschenbild und die damit verbundene feindselige Haltung bilden die Basis eines Handelns, welches von Distanz, Kälte, Emotionslosigkeit und Kalkül begleitet ist und in welchem gerade nicht das Ernstnehmen der Äußerungen des jungen Menschen (und seiner nahen Bezugspersonen) sowie eine gesunde Resonanz darauf erkennbar wird. In Elternschule finden sich junge Menschen in Gegenwart von Erwachsenen wieder, die ihnen in Gestalt von Rollen und Funktionen begegnen, die keinen wirklichen, echten oder empathischen zwischenmenschlichen Kontakt spürbar werden lassen und die auf die Beeinflussung und Steuerung von Verhalten(sweisen) begrenzt sind. Es wird schmerzlich für uns sein einzugestehen, dass die ausschnitthafte Darstellung in Elternschule uns einen Spiegel vorhält, in welchem wir eine Beziehungs“qualität“ zu sehen bekommen, die heutzutage einen Großteil der zwischengenerationellen Begegnungen prägt. Jedoch sehen wir zugleich auch schon längst, dass es anders geht. In CaRabA treffen junge Menschen auf ältere Menschen, die sie in ihrem Sein vollständig anerkennen und ihnen mit Echtheit jenseits irgendwelcher Rollen begegnen. Wer hieran Anteil nimmt, wird den Kinosaal verlassen mit dem Verlangen, mehr davon zu sehen, zu hören und zu erleben. Beim Anblick von CaRabA wird den Zuschauern warm ums Herz werden.
Es ist eine ungeheuerliche (Film)Vorstellung, wie unser #LebenohneSchule aussehen würde, in welchem es allen Beteiligten besser geht als heute in einem immer beklemmender werdenden Schulsystem.
CaRabA ist gewissermaßen ein Katalysator für einen soziokulturellen Evolutionssprung, da er darstellt, wie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und unsere Bildungslandschaften aussehen, wenn wir ihn vollzogen haben werden.
Das Potenzial, zu einem Wandel beizutragen, hat Elternschule durchaus ebenfalls. Der Film hätte im Grunde einem „Anti-Kriegsfilm“ entsprechen können, wäre er nicht mit dem irreführenden und gefährlichen Zitat der Süddeutschen Zeitung („Für jeden, der selbst Kinder hat, ist dieser Film ein Muss“) quasi als Lehrfilm angepriesen und in einen einengenden Kontext gesetzt worden. Er hält uns einen Spiegel vor, in welchem wir nicht den Krieg auf zwischennationaler, sondern auf zwischengenerationeller Ebene erkennen können. Immerhin hat er eine Welle der Empörung ausgelöst und eine größere Zahl Menschen dazu bewegt, sich zu äußern angesichts der Gewalt, die jungen Menschen im Namen der Erziehung und/oder Therapie widerfährt. Ob wir diesen Spiegel für einen Wandel nutzen, wird davon abhängen, ob die Zweifelhaftigkeit des im Film dargestellten zwischenmenschlichen Umgangs geleugnet wird, oder auch, ob wir bei unseren üblichen Reaktionen in Form von Schuldzuweisungen bleiben, sei es gegenüber den einzelnen Protagonistengruppen („dieses Klinikspersonal“ oder „diese unfähigen Eltern“ oder „diese nervenraubenden, kranken Kinder“) oder gegenüber den aufbegehrenden Zuschauern („diesen hysterischen Müttern“). Oder ob wir darüber hinauswachsen und erkennen, dass es nicht nur um den einen Film und nicht nur um die eine Klinik geht, sondern eine Betrachtung der Gewalt gegenüber heranwachsenden Menschen in einem größeren Zusammenhang notwendig ist, der letztlich zeigt, dass jeder einzelne von uns einen Teil der Verantwortung trägt.
CaRabA ist Teil dieses großen Schrittes. Er antwortet endlich auf unseren dringenden Bedarf an (Vor)Bildern für eine gelingende, gewaltlose Begleitung heranwachsender Menschen.
In der aktuellen Übergangs-Phase der zwischengenerationellen Beziehungsgestaltung, in der wir uns befinden, einer Phase der Orientierung und des Suchens, die von ganz viel Unsicherheit, Angst und Verwirrung bei Müttern und Vätern geprägt ist (die in extremsten Fällen zu Situationen führen können wie die der Familien in Elternschule), wird genau diese Unsicherheit von Liebhabern des feindseligen Menschenbildes kleiner Tyrannen fehlinterpretiert, indem sie die Mütter und Väter als unfähig stigmatisieren und nach der Rückkehr zu alten Erziehungsmethoden in neuem Gewand rufen (die längst wieder zu viel um sich gegriffen haben, wo wir sie schon überwunden geglaubt hatten). Echte lebendige Vorbilder für eine fried- und liebevolle zwischengenerationelle Beziehungsgestaltung gibt es kaum und aufgrund der derzeit noch herrschenden strukturellen Gewalt, die uns alle betrifft, ist eine solche Beziehungsgestaltung ganz schwer umzusetzen. Jedoch reicht es nicht, sich mit Gedanken zu begnügen wie „Es ist halt so“ und „Es geht eben nicht anders“. Sobald wir beginnen werden, die Frage der Vermeidbarkeit in unsere Überlegungen mit einzubeziehen – „Wäre es vermeidbar (gewesen)? Sollte vermeidbare Gewalt (so z.B. auch ein Schulanwesenheitszwang) nicht vermieden werden?“ – werden wir ganz neue Lösungen finden.
Wenn es überhaupt eines Slogans bedarf für einen Film, dessen Thema an sich lockend genug sein dürfte, so könnte er lauten:
Ein Muss für jeden, der sich Frieden zwischen den Generationen wünscht und einen Ausweg aus der Bildungsmisere herbeisehnt!
  * * *

Beim anschließenden Publikumsgespräch bin ich mit dabei am
Sonntag, den 19. Mai um 11 Uhr im Kino am Raschplatz in Hannover




Donnerstag, 21. März 2019

EinBlick anders auf "Schulangst: 'Ich will zu Hause bleiben!'"

Der kurze Artikel "Schulangst: 'Ich will zu Hause bleiben!'" trägt kein Datum. Allerdings ist er geschmückt mit einem Foto, welches dem in unserem Aufruf "Gewalt? Ohne mich!" äußerst ähnlich sieht!


Der Artikel ist kaum des Lesens wert. Allein die wo auch immer hergenommene statistische Angabe jeder dritte junge Mensch im Alter zwischen neun und 14 Jahren leide unter Schulangst (fürchte sich vor eigenem Versagen, Mobbing durch Mitschüler, Gewalt auf dem Pausenhof oder vor Bloßstellungen durch Lehrer) ist beachtenswert und müsste uns eigentlich zu der Erkenntnis führen, dass etwas mit den Rahmenbedingungen nicht so ganz in Ordnung sein kann. Nein, stattdessen werden die Ursachen wieder im Individuum gesucht, das entweder unter "bloßer Faulheit" leidet (= Kriminalisierung: "böse, böse!") oder unter "echter Schulangst" und "dringend Hilfe" braucht (= Pathologisierung: "das ist doch krank!"). Witzigerweise führt die dann folgende Aussage "oft ist die Unterstützung von Kinder- oder Jugendtherapeuten sehr hilfreich" zu einem Link, der Autoreklame aufpoppen lässt - ein Freud'scher Verlinker sozusagen, denn wie auch Autos in die Werkstatt geschafft werden, wenn an ihnen etwas nicht funktioniert, so werden üblicherweise dysfunktionale Schüler behandelt, die von Psychologen und Psychiatern repariert werden sollen (gern auch mit tonnenweisen Medikamenten!).
Die 12 Testfragen, mit denen Sie nun herausfinden können, ob Ihr "Kind" nur unter "bloßer Faulheit" oder unter "echter Schulangst" leidet, sind spätestens im letzten Viertel äußerst amüsant, denn demnach sind Einzelkinder, die in der siebten oder achten Klasse ein Gymnasium besuchen, grundsätzlich eher von Schulangst als von Faulheit betroffen...

Spaß beiseite. Wofür der kleine Artikel jedenfalls plädiert, und damit stimme ich überein: dass junge Menschen in ihren Äußerungen ernst genommen werden! Einen entscheidenden Unterschied sehe ich jedoch in der Schlussfolgerung:  

Die Auffälligkeiten und Symptome sind keine Zeichen für Kranksein, Störung, Defizit, sondern für Gesundsein und Kompetenz! 

Ja, auch "Faulheit".
Ja, auch "Schulangst" (Was auch immer das genau sein soll...).

Entsprechend verlangt es hier nicht nach Reparatur und Funktionsfähigmachen, sondern nach echten Lösungen, die den (jungen) Menschen als kompetenten, kreativen und selbstbestimmten Menschen (an)erkennen. Um echte Lösungen zu finden, bedarf es der konstruktiven und respektvollen Kommunikation mit und zwischen den betroffenen und beteiligten Menschen. Wer dabei Unterstützung braucht, dem stehe ich gern zur Seite.

Freitag, 20. Januar 2017

Alle Jahre wieder die Einschulungsuntersuchungen - Mein offener Brief an die Ärztin im Gesundheitsamt




Dieser Brief erschien erstmals im Heft 04/16 des unerzogen-Magazins als Gratis-Artikel.


Sehr geehrte Frau Ärztin im Gesundheitsamt …
Eine Mutter berichtet über Erlebnisse bei der Vorschuluntersuchung
Im Rahmen der obligatorischen Vorschuluntersuchung wurde die 6-jährige Marie in Begleitung ihrer Mutter beim Gesundheitsamt vorstellig. Zuerst betraten sie den Raum einer Ärztin, die dem Mädchen freundlich begegnete, sie zum Hörtest einlud sowie zu einigen Sehtests, dem Benennen von Bildern, dem Nachzeichnen einfacher Strichfiguren und ihr ein paar formal-logische Denkaufgaben aus einem Intelligenztest für Kinder vorlegte. Marie beantwortete die Fragen, wann sie auf welchem Ohr einen Piepton höre, welche Figuren sie auf bestimmten Bilderkarten erkenne und in welche Richtung ein kleiner werdender Buchstabe orientiert sei. Sie gab Antworten, wie die gezeichneten Gegenstände auf einigen kleinen Bildchen genannt werden, zeichnete ein Quadrat nach, einen Kreis, ein Kreuz und zeigte auf die Lösungen der formal-logischen Denkaufgaben.
Anschließend wurden sie in den Raum einer zweiten Ärztin geschickt. Marie wurde aufgefordert, einige motorische Dinge vorzuführen, u.a. über einer Linie mehrfach hin und her zu hüpfen – auf beiden Beinen oder jeweils einem, wobei sie zweimal angewiesen wurde, weiterzumachen, wenn sie aufhören wollte – oder mit ihrem Daumen nacheinander die Finger der selben Hand anzutippen, mal in die eine Richtung, dann in die andere. Anschließend wurde von Marie verlangt, sich zur weiteren körperlichen Untersuchung auszuziehen bis aufs Unterhöschen. Sie wurde mit einem Stethoskop abgehört, ihr wurde mit einem Lämpchen in die Ohren geschaut. Danach nannte die Ärztin komisch klingende, erfundene Quatschwörter, die Marie nachsprechen, und andere Wörter, in denen Buchstaben fehlen, die sie ergänzen sollte. Sie bekam kleine Holzautos in verschiedenen Farben vorgelegt und sollte das Rote, das Blaue, das Gelbe, das Grüne zeigen. Den Schluss bildete eine Aufgabe, in der die Ärztin Sätze nannte, die Marie wiederholen sollte. Danach war die Untersuchung zu Ende.
Auf die Frage der Mutter nach dem Verbleib des Arztberichts, der das Ergebnis einer solchen Untersuchung ist, teilte ihr die Ärztin mit, dieser werde üblicherweise der zuständigen Schule – und nur dieser – zugeschickt. Nachhakend, ob sie als Mutter auch ein Exemplar bekäme, sagte die Ärztin, das müsse dann bei der Schule angefragt werden. Allerdings wurde, als die Mutter einige Wochen später der Ärztin die Bitte schrieb, ihr den Arztbericht zu schicken, ihr dieser umgehend kommentarlos per Post zugesandt.
Im Arztbrief fand sich ein Kreuzchen bei „Ja“ unter dem Stichwort Schul- / förderrelevante Hinweise. Zu diesen war als Bemerkung zu lesen:
Verhalten: geringe Bereitschaft zur Mitarbeit, stark eingeschränkte Kontaktaufnahme, hat die Mitarbeit im Sprach-Test größtenteils verweigert, sich nur teilweise untersuchen lassen.“
Dies und nichts Weiteres war die knappe Zusammenfassung der Ärztin gewesen. Die Mutter schrieb daraufhin der Ärztin einen Brief.
* * *
Sehr geehrte Frau Ärztin im Gesundheitsamt,
im vergangenen Juni wurde meine 6-jährige Tochter Marie bei Ihnen vorstellig im Rahmen der Vorschuluntersuchung. Diese Begegnung hat bei mir einen so unguten Eindruck hinterlassen und im Laufe der Folgezeit wachsende Bedenken geweckt, dass ich mich spätestens nun nach dem Lesen Ihres Arztbriefes veranlasst sehe, mich noch einmal mit dieser reflektierenden Rückmeldung an Sie zu wenden. Im Grunde ist anzunehmen, dass Sie sich nicht mehr an die Untersuchungssituation erinnern dürften angesichts der vielen 6-Jährigen, die Sie zu inspizieren haben und angesichts der seitdem vergangenen Zeit (ein halbes Jahr), daher werde ich Ihnen die Begegnung in Erinnerung rufen. (Allerdings könnte ich auch annehmen aufgrund einer Ihrer damals getroffenen Aussagen, dass Sie sich eigentlich sehr gut erinnern müssten.)
Nach den Aufgaben zur Überprüfung der motorischen Fähigkeiten forderten Sie meine Tochter auf, sich zur weiteren Untersuchung bis auf das Unterhöschen auszuziehen. Bis dahin hatte Marie alles mitgemacht und signalisierte nun an dieser Stelle, dass sie sich nicht ausziehen wolle: sie senkte und schüttelte den Kopf. Daraufhin hakten Sie nach: „Doch, das müssen alle Kinder machen.“ Ich fragte meine Tochter, ob sie bereit sei, sich auszuziehen, woraufhin sie weiterhin den Kopf schüttelte. Daraufhin regte ich an, die Untersuchung meiner älteren Tochter vor einigen Jahren (allerdings bei einer anderen Ärztin) erinnernd, dass Sie sie vielleicht abhören könnten, wenn sie ihren Pullover hochheben würde. „Nein, ich kann sie sonst nicht untersuchen“, war Ihre Antwort und weiterhin: „Na komm, im Schwimmbad ziehst du dich doch auch aus und hier sind doch nur wir.“ Marie war inzwischen vom Stuhl aufgestanden und hatte sich schutzsuchend an mich geschmiegt. Ich sagte Ihnen, dass ich meiner Tochter im Vorfeld gesagt habe, die Untersuchung sei nicht schlimm und sie dürfe, wenn es etwas gab, das sie nicht machen wolle, Nein sagen. Sie hakten jedoch weiter nach, Marie solle sich ausziehen. Marie schlang die Arme um meinen Hals und verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. „Du willst nicht“, fasste ich ihre Botschaft in Worte.
Nun ja“, gaben Sie auf, „darf ich dich dann jetzt einmal abhören?“ Und als Marie wieder zu Ihnen kam und sich weiter untersuchen ließ, sagten Sie während Sie meine Tochter untersuchten: „Da hat sie es jetzt geschafft, ihren Kopf durchzusetzen und die Mama rumzukriegen. Das haben wir ganz häufig bei Mädchen in dem Alter, dass die sich nicht ausziehen wollen. Wenn die Väter dabei sind, klappt das aber immer.“
Als Sie im Folgenden zu der Aufgabe kamen, meiner Tochter die seltsam klingenden Quatschwörter zu nennen und sie anwiesen, diese nachzusprechen, senkte sie erneut den Blick und Kopf nach unten und schwieg. Sie forderten meine Tochter daraufhin weiter auf „Sag mal...“ und nannten nacheinander all Ihre komisch klingenden Worte, dabei ignorierend, dass Marie den Kopf gesenkt hielt. Sie schüttelten den Kopf mit den Worten, also sowas hätten Sie noch nie erlebt. Ich sagte, Marie sei manchmal eher schüchtern und wahrscheinlich sei es ihr zu unangenehm, diese fremden, komischen Wörter zu sagen. Sie erwiderten mit harter Mine Marie anblickend: „Nein, die ist gar nicht schüchtern. Die weiß ganz genau, was sie tut.“ Und ergänzten, dass Sie schon seit 20 Jahren Kinder untersuchten und eine solche Verweigerung noch nie erlebt hätten (daher nehme ich an, dass Sie sich sehr gut an Marie erinnern müssten!). Sie nannten Marie die Wörter, in denen Buchstaben fehlten, welche sie richtig ergänzte, und ließen sie die Farben der bunten Autos benennen, was sie ebenfalls tat. Als Schlussaufgabe sollte Marie Sätze wiederholen und senkte auch hier erneut den Kopf. „Die“ mache ja gar nicht mit, war ihr abschließender Kommentar und dass Sie dies in den Bericht an die Schule schreiben müssten.
Weshalb sehe ich mich nun veranlasst Ihnen zu schreiben? Mir persönlich war schon vor Ort beim Eintreten in Ihr Sprechzimmer sofort der Unterschied aufgefallen zwischen Ihrer gewissermaßen kühlen Ausstrahlung im Gegensatz zu der eher warmen Art Ihrer Kollegin. Ich darf annehmen, dass solche atmosphärischen Eindrücke auch auf andere Menschen wirken, beispielsweise auch meine Tochter, und ein mehr oder weniger vertrauensvolles Klima schaffen. Die Qualität dieses Klimas kann bei empfindsamen und gerade auch bei sehr jungen Menschen von grundlegender Bedeutung sein. Ich frage mich nun also nicht nur, wie Sie dazu kommen, meiner Tochter eine „geringe Bereitschaft zur Mitarbeit“ zu attestieren, nachdem sie bis auf drei Ausnahmen alle Untersuchungsbausteine mitgemacht hat. Mir fällt weiterhin auf, dass Sie meiner Tochter eine „stark eingeschränkte Kontaktaufnahme“ zuschreiben, ohne Ihren eigenen, und zwar unter Umständen maßgeblichen, Anteil in der Beziehungsgestaltung der Ärztin-junge Patientin-Beziehung zu reflektieren – und dies stimmt mich sehr nachdenklich und besorgt!
Kann es sein, dass eine mangelnde Sozialkompetenz seitens untersuchender Ärzte auf Kosten junger Menschen gehen kann, indem einseitige und zweifelhafte Urteile, zumal negative, über letztere gefällt werden, die möglicherweise verheerende Auswirkungen haben können? Die Auswirkungen können wir gar nicht abschätzen, wissen wir doch nicht, wie reflektiert oder unreflektiert nun eine Schule mit solchen „vertraulichen Arztsachen“ umgeht? Welche Vorurteile oder Stigmatisierungen werden da in Menschen angeregt, deren Bewertung nun junge Menschen für weitere Zeit ausgesetzt sind? Es ist aus sozialpsychologischen Untersuchungen hinlänglich bekannt, dass beispielsweise die Bewertung desselben Verhaltens ein und desselben Schülers durch zwei Lehrer sich erheblich unterscheidet, nachdem den Lehrern unterschiedliche Informationen über den sozialen Hintergrund dieses Schülers genannt wurden – er stamme entweder aus einer Akademiker- oder aus einer Arbeiter-Familie. Im Wissen über solche Zusammenhänge sollten sich Menschen in Ihrer beruflichen Position ihrer enormen Verantwortung bewusst sein, die darin besteht, sehr behutsam, sowohl mit den jungen Menschen selbst, als auch mit den gewonnenen Informationen umzugehen.
Wie stand es denn, liebe Frau Ärztin im Gesundheitsamt, um Ihre Kontaktaufnahme meiner Tochter Marie gegenüber? Solange Marie sich hinsetzte, Ihre Fragen beantwortete und folgsam vor Ihnen herumhüpfte, spielte die Frage keine wesentliche Rolle. Sie spielte spätestens dann eine entscheidende Rolle, als Marie signalisierte: Nein, sie wolle sich nicht ausziehen. Und hier ist das, was mir am meisten Bauchschmerzen bereitet: Es gibt ganze Aufklärungs- und Gewalt-Präventions-Programme, die junge Menschen in ihrer gesundheitserhaltenden Kompetenz zu stärken versuchen, ihre eigenen Grenzen zu kommunizieren, in denen die zentralen Botschaften lauten: „Dein Körper gehört dir“ und „Sei stark, sag Nein!“ Vor dem Hintergrund der Wichtigkeit dieser gewaltpräventiven Maßnahmen ist Ihr Verhalten, liebe Frau Ärztin, meiner Tochter gegenüber nicht nur respektlos und unempathisch gewesen, sondern regelrecht fahrlässig und gefährlich! Hätten Sie nicht eigentlich die „Verweigerung“ meiner Tochter, sich vor einem fremden Menschen bis aufs Unterhöschen auszuziehen, als gesunde Reaktion offen anerkennen und ihr dafür danken müssen? Hätten Sie nicht mindestens um Maries Vertrauen werben müssen? Möglicherweise hätte es sein können, dass sie sich sogar dann hätte untersuchen lassen: wenn etwas mehr Zeit sowie Kontaktaufnahme und Einfühlungsvermögen von Ihrer Seite gewährt worden wären! Somit ist auch die Aussage, Marie hätte „sich nur teilweise untersuchen lassen“, absolut unwahr. Wäre nicht die Feststellung zutreffender gewesen, Marie habe „sich nicht zur Untersuchung ausziehen wollen“? Oder: sie habe „sich nicht halbnackt untersuchen lassen“.
Im Übrigen habe ich Ihren Kommentar, meine Tochter habe die Mutter nun rumgekriegt und bei den Vätern klappe das immer, nicht nur als blödsinnig, sondern auch als äußerst geringschätzend mir gegenüber empfunden. Wäre die Tatsache nicht umso bedenklicher, dass junge Mädchen in männlichem Beisein umso schwerer ihre persönlichen, körperlichen Grenzen aufzeigen und wahren können? Sollte beispielsweise ein Vater seine Tochter dahin zu drängen versuchen, sich nun gegen ihren Willen zu Untersuchungszwecken auszuziehen, wäre es nicht sogar Ihre Aufgabe, auf die Notwendigkeit des Respekts vor der Entscheidung über den eigenen Körper hinzuweisen? Über meine persönliche Empörung aufgrund unserer Begegnung hinaus bin ich allerdings darum regelrecht besorgt, wie es all jenen jungen Menschen ergehen mag, die jahrein jahraus Ihrem unfachlichen Vorgehen ausgesetzt sind. Das geht nämlich noch weiter:
Beim Sprach-Test, dessen Mitarbeit Marie, wie Sie sagen, „größtenteils verweigert“ hat, ist mir die Dynamik zwischen meiner Tochter, Ihnen und den Aufgaben aufgefallen. Marie hat meinem Eindruck nach genau die beiden Typen von Aufgaben nicht machen wollen, die ihr zu blöd, peinlich oder unangenehm erschienen, nämlich Quatschwörter auszusprechen und einfach stupide das nachzusprechen, was Sie ihr sagen. Eigentlich Reaktionen, die ebenfalls verständlich sind und denen mit Humor und Ermutigung begegnet werden kann, wie: „Ich weiß, das klingt wirklich komisch – fand ich auch, als ich die Wörter das erste Mal gehört habe. Und du kommst dir bestimmt irgendwie blöd dabei vor – weißt du was: Das geht ganz vielen Kindern so!“ Statt meine Tochter anzulügen, sie sei die Einzige, die hier was komisch findet – und dass sie es nicht ist, weiß ich einfach aus Erfahrung und Austausch mit anderen Menschen, die in solchen Untersuchungen waren – hätten Sie ihr die Wahrheit sagen und ihr Vertrauen gewinnen können. Es ist Ihnen leider nicht gelungen, Kontakt zu Marie aufzunehmen – und Sie scheinen auch gar nicht daran interessiert oder darum bemüht gewesen zu sein, sondern haben schlicht den Test durchgezogen. Interessanterweise hat Marie trotz Ihres Verhaltens, immer wieder den Kontakt zu Ihnen wiederaufgenommen, indem sie sich um die Aufgaben bemüht hat, die ihr eben nicht – aus welchen Gründen auch immer – zu unangenehm waren.
Würde diese Untersuchungssituation nun auf Gegenseitigkeit beruhen und erlaubte ein entsprechendes Feedback von meiner Seite, so würde ich vermutlich Ihnen als „förderrelavante Hinweise“ an Ihren Arbeitgeber attestieren:
Verhalten: geringe Bereitschaft zur Einfühlung, stark eingeschränkte Kontaktaufnahmefähigkeit, hat die Signale der Patientin größtenteils nicht erkannt und nicht darauf einzugehen vermocht, sich nur teilweise auf die Schaffung einer gelingenden Untersuchung eingelassen“.
Liebe Frau Ärztin im Gesundheitsamt, ich kann mir vorstellen, dass ich in Ihren Ohren hart und gehässig klinge, und es ist mir sehr ernst mit diesem Brief. Nicht aus Bosheit Ihnen gegenüber heraus. Jedoch ist es nicht zu dulden, dass junge Menschen dem Risiko ausgesetzt werden möglicherweise ernsthaften Schaden aus Ihrem Vorgehen zu ziehen – und dieses Risiko sehe ich hier! Stellen Sie sich weniger reflektierende Mütter und Väter vor, die hinterher noch ihren Töchtern und Söhnen die Hölle heiß machen, weil sie nicht ordentlich mitgemacht haben. Ich erlebte beim damaligen Besuch zur Vorschuluntersuchung meiner älteren Tochter vom Wartezimmer aus eine Szene mit, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Da war ein kleiner Junge, der anscheinend fast gar nicht mitmachen wollte, der schrie und weinte. Als die Eltern mit ihm rauskamen, hörte ich sie nur mit dem Sohn schimpfen und sah sie ihn nach Hause zerren. Welch Gewalt wird durch den Druck und die Ergebnisse einer solchen Untersuchung in Eltern erzeugt, die diese dann – natürlich aus Angst und Hilflosigkeit, na an wen wohl – weitergeben? Darum spreche ich von einer enormen Verantwortlichkeit, die in Ihren Händen liegt und Behutsamkeit und Einfühlungsvermögen erfordert, quasi eine sehr hohe menschliche und kommunikative Kompetenz! Wissen Sie welche Spuren Ihre Botschaft an meine Tochter in ihrer Seele hinterlässt, mit ihr stimme etwas nicht, sie sei die erste und einzige Person während Ihrer 20-jährigen Berufstätigkeit, die sich nicht ausziehen und keine Quatschwörter nachsprechen will? Wissen Sie, welche Auswirkungen Ihre Schul- / förderrelevanten Hinweise haben, nachdem sie in die Hände der Schule gelangt sind? Würden Sie Ihren „Bericht“ über meine Tochter korrigieren – und dies meine ich nun stellvertretend für eine Korrektur Ihrer Grundhaltung jungen Menschen gegenüber –, könnten Sie tatsächlich mit einer menschlicheren Sicht dem Wohl vieler junger Menschen förderlich sein. Ich schlage also vor:
Verhalten: grundsätzliche Bereitschaft zur Mitarbeit, ist aber glücklicherweise nicht bereit, in blindem Gehorsam alles mitzumachen; gute Fähigkeit, Unwohlsein und ein „Nein“ zu signalisieren, könnte Ermutigung gebrauchen, dies auch verbal deutlich auszudrücken; gesundes körperliches Abgrenzungsvermögen (wollte sich nicht einfach so ausziehen bei der Untersuchung).
Tolles Mädchen! So wie sie alle tolle Menschen sind, finden Sie nicht auch?
Ich würde mir sehr wünschen, etwas Nachdenklichkeit in Ihnen angeregt zu haben, danke Ihnen für die Aufmerksamkeit, die sie meiner kritischen Rückmeldung geschenkt haben und wünsche Ihnen alles Gute!
Mit freundlichen Grüßen
Eine kritische, nachdenkliche, vielleicht Not-wendig unbequeme Mutter
* * *
Nach diesen Erfahrungen möchte Maries Mutter allen Müttern und Vätern ans Herz legen, wenn möglich nicht allein in solche Untersuchungen zu gehen, eine Vertrauensperson, eine Freundin, einen Freund als Begleitung mitzunehmen und sich hinterher den Arztbrief zukommen zu lassen – denn die Kenntnis der darin enthaltenen Informationen steht selbstverständlich zuallererst den Menschen zu, die es betrifft! Der Austausch untereinander zeigt, dass Vorschuluntersuchungen allseits nicht als unproblematisch erlebt werden, sondern tendenziell im Gegenteil, daher kann jede mutige bzw. vielleicht vielmehr unmutige Rückmeldung in Richtung der Ämter und Ärzte nur begrüßt werden.


 Hast Du eine eigene Geschichte dazu oder Fragen an mich?
Schreib mir gerne!